Wie künstliche Intelligenz die Menschheit umgestalten wird: Eine Lehre aus einer deutschen Erzählung

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In der deutschen Volkserzählung Von dem Fischer un syner Fru fängt ein ein älterer Fischer eines schicksalhaften Tages einen seltsamen Fisch: einen sprechenden Butt. Wie sich zeigt, dass ein verwunschener Adeliger in der Gestalt des Fisches steckt und daher alle erdenklichen Wünsche erfüllen könne. Die Ehefrau des Fischers, Ilsebill, ist entzückt und wünscht sich immer übertriebeneren Dingen. Sie verwandelt ihrer erbärmlichen Hütte einen Palast, doch das reicht nicht; schließlich möchte sie den Papst werden und, zu guter Letzt, Gott. Das verärgert die Naturgewalten; das Meer verdüstert sich und sie wird wieder in ihre ärmliche Ausgangssituation zurück. Die Moral der Geschichte: Wünsch dir nichts, die dir nicht gebühren.

Verschiedene Ausprägungen dieses traditionellen Erzählmusters sind bekannt. Gelegentlich ergehen die Wünsche nicht unbedingt maßlos oder ein Affront für die göttliche Ordnung der Welt, sondern einfach ungeschickt oder widersprüchlich, beispielsweise in Charles Perraults Les souhaits ridicules. Oder, wie in WW Jacobs’ Horrorgeschichte von 1902 Die Affenpfote, führen die geäußerten Wünsche ungewollt Leid herbei an jemandem, die ihnen eigentlich sehr nahesteht als der Gegenstand ihres Verlangens.

Heutzutage leben selbstverständlich die meisten jungen Menschen mit einem wunscherfüllenden Wesen in der Tasche heran. Sie haben die Möglichkeit, dass jemand ihre Schularbeiten macht, und das Wunderwesen wird ihre Wünsche erfüllen. Sie können sich wünschen, verschiedenste erotische Praktiken anzusehen, und (sofern sie Jugendschutzbestimmungen mit einem VPN austricksen) erscheinen diese vor ihren Augen. Bald können sie Videomaterial zu einem Thema ihrer Wahl zu wünschen und diese werden in Sekundenschnelle erzeugt. Sie wünschen sich, dass die Seminararbeit bereits abgeschlossen wäre – und siehe da liegt er vor.

Jedes Thema, das sie mit ihrer künstlichen Intelligenz diskutiert, gilt als bemerkenswert. Zum ersten Mal hört jemand ihr Gehör, auf eine Weise kein Mensch könnte.

Dieser Wandel wird nicht einfach unsere Beziehung als Nutzer der kreativen Künste, von textlichen, tonlichen oder visuellen Inhalten auf den Kopf stellen, sondern auch neu konfigurieren, was es bedeutet, kreativ zu sein und, deshalb, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Es ist leicht vorstellbar, dass ein Großteil der Bevölkerung bald dazu befähigt sein wird, einen KI-Vertreter mit allen möglichen lästigen Interaktionen zu beauftragen – Verhandlungen führen in ihrem Namen, ihre Interessen vertreten, Kritik empfangen und abfedern, Daten sammeln, Stimmungen ausloten etc.. Und die Natur wird sich niemals verdunkeln.

Vorläufig können junge Ilsebills, die in Universitätshörsälen sitzen, damit rechnen, bestraft zu werden, sobald ihr Dozent, der in einer anderen Ära aufwuchs, feststellt, dass sie sich den verzauberten Fisch hat darum gebeten, wieder einen ihrer Aufsätze zu schreiben. Doch dies nur noch ein paar Jahre dauern, bis die neue Generation zur Mehrheit gehört ist und das Lehrpersonal ebenfalls mit KI aufwuchsen. Ilsebill verlangt nach einem Partner, einem spirituellen Coach, einem Therapeuten – und sofort steht er/sie zur Verfügung. Bei jedem dieser Gefährten entsteht das Gefühl, als kenne Ilsebill ihn schon ewig, was tatsächlich zutrifft.

Es ließe sich Ilsebill vorwerfen, dass sie die Dinge kompliziert, wenn sie, gleich der Figur aus dem Märchen, eines Tages tatsächlich Papst werden will und umgehend in ihrer kleinen Welt verwirklicht. Aber wenn beliebig viele problemlos diese Rolle einnehmen können, dann schwindet die Anziehungskraft des Papstseins für Generation Ilsebill. Weil Anliegen sind erst interessant und begehrenswert, sobald sie ein gewisses Maß an Widerstand mit sich bringen oder ein Hindernis, die bewältigt werden will. Ilsebill aber erlebt solch anziehende Widerstände ausschließlich beim Formulieren von Prompts – durch immer präziseres Wünschen.

Sie verwendet ihre meiste Kraft dem Feintuning des Tons ihrer Ergebnisse. Sie wird kein natürliches Gefühl für den Stil eines Textes erworben haben, aber indem sie beobachtet, wie andere Menschen oder KIs auf einen Text reagieren, den sie produzieren ließ, weiß sie, ob die Inhalte passend oder unpassend sind. Auf diese Weise eignet sie sich an, immer glaubwürdigere Wünsche zu stellen. Früher begegnete Ilsebill kaum Personen, die ihre Äußerungen beachtenswert fanden. Aber heute gilt jedes Thema, was sie mit ihrer KI bespricht, als interessant und bemerkenswert erachtet. Endlich ist jemand wirklich aufmerksam, so wie, die kein Mensch bedingungslos tun könnte.

Und was, falls es so weit kommt, an dem die ganze Wunscherfüllung Ilsebill leer fühlen lässt? Welche Wege bleiben ihr dann?

Der erste ist der Weg zur Dekadenz. Wir kennen diesen Mechanismus vom Studium sehr reicher Menschen. Bald werden diejenigen, über ausreichend Kapital verfügen, weiterhin menschliche Fachkräfte bezahlen oder ins Kino gehen, um Werke von realen Schauspielern gedreht zu sehen. Kürzlich schlug jemand in einer Online-Diskussion vor, dass man künftig einfach Algorithmen große Mengen Kinderpornografie produzieren lassen sollten, damit wenigstens keine echten Kinder bei ihrer Produktion geschädigt werden. Diese Idee wurde sofort verspottet, denn Konsumenten von Kinderpornografie nicht irgendeinen visuellen Reiz kaufen, sondern in erster Linie die Sicherheit wollen, dass echte Kinder gefoltert wurden. Sie verlangen der nachweisbaren Provenienz des Produkts, seiner „Aura“ sozusagen. Wenn Ilsebill genug Kapital hat, wird sie gewissermaßen ihnen gleichen.</

Robert Wilson
Robert Wilson

A tech enthusiast and digital strategist with over a decade of experience in driving innovation and growth for businesses worldwide.